Über den Verein

Um der alten Alternative Stadt/Land zu entgehen, die die Schweizer Geschichte geprägt hat, entgrenzen wir Zürich ins Offene: Stadt/Meer. Wir wollen die Gischt, Wellen und Zungenschläge andere Ströme und Strömungen hier heimisch werden lassen. Im Urbanen verankert, träumen wir von Urban-Bandungen. Als erste Plattform haben wir das Utoquai als Floss auserwählt, wo Arthur Rimbauds „Trunkenes Schiff“ das Segel und das Gaumensegel von Schauspielern den Winden der Welt aussetzen, um bald hier, bald dort in Zürich anzulegen und hiesigen Kunstschaffenden die Möglichkeit zu Auftritten zu geben und Begegnungen mit Gästen aus aller Welt zu ermöglichen.

Als „Vorleistung“ haben wir im Rahmen der Feier „125 Jahre Utoquai“ erste Auftritte von Künstlern finanziert. Der Schauspieler Thomas Sarbacher hat in einer Lesung Geschichten der Badeanlage an Texte rund um den Zürichsee bis hin zu Updik's religiösem Bademeister verknüpft, das junge Ausnahmetalent Faber sang italienische Klassiker und eigene Texte. Und Dieter Meier von YELLO zelebrierte die Kunst des „Idiotischen“, das ganz im Eigenen (altgriechisch „idios“) wurzelt und die Welt eroberte. So wollen wir auch weitere interessante Orte in Zürich untersuchen und ins Offene entgrenzen. Die Sehnsucht zieht uns wie im Lied von YELLO „To the sea“.

Das „Seefeld“ wird den nächsten Ring ausmachen, in dem der Stein, den wir in die Wogen unserer Wünsche werfen, seine Ringe zieht. Wie weit diese Ringe ihre Kreise ziehen, wird sich weisen. Es ist jene Sehnsucht, die Bice Curiger in einer legendären Ausstellung im Kunsthaus Zürich an eine Forderung der Jugendbewegung von 1980 anlehnte.

Für das nächste Jahr sind weitere Abende im Restaurant „Frei Sicht aufs Mittelmeer“ und an ausgewählten Orten im Seefeld und der Stadt geplant. Aber auch eine Zeitung, die die Geschichte des Utoquais mit poetischen Visionen von Zürcher Schriftstellern verbinden, die Stefan Zweifel und unser Verein „anheuert“.

PS: Eine erste Verortung – Das Utoquai

«Wenn alles um uns versinkt, treiben wir mit der Badeanstalt seeabwärts, unter den Brücken von Zürich weg, wenn’s beim ersten Wehr hüpft, halt ich dich fest; vielleicht wachsen, wenn du erwachst, am Kai keine Kastanien, sondern Palmen, und auf dem Fahnenmast hockt der Kokosaffe.»

Hugo Loetscher, «Saison»

Das Utoquai ist ein Wahrzeichen der Stadt und ein Aushängeschild für ein weltoffenes Zürich, auch ohne die «maurischen Türmchen», die früher dort aufragten, wo heute das Sonnendeck ist. Doch es ist nicht nur ein Wahrzeichen von heute, sondern auch historisch fest in der Geschichte der Stadt und im See verankert. So wurde es, leicht verfremdet, etwa im Roman «Saison» von Hugo Loetscher geradezu zum Romanhelden und zur Bühne eines «Badetheaters» voll burlesker Szenen und hoffentlich vermeidbarer Pechsträhnen: «Als der Eislieferant Schachtel um Schachtel hineintrug, bedeckte sich der Himmel.»

Schon Loetschers Freund, der Maler Varlin, hat aus dem Uto seiner Frau Postkarten geschrieben, es taucht aber auch in den Schriften von Max Frisch auf, der das Letzi baute. Und sogar die Dadaistin Emmy Ball- Hennings hat hier einst ihre Grossmutter auf einem Baum im Nachtnebel gesehen – das erzählte sie ihren Freunden im Odeon. Immer wieder wurden, seit es 1890 an die Stelle eines früheren Kastenbadstrat, Neubau, Umbau, und 1950 gar Abbruch diskutiert – nun, neben den «maurischen Türmchen» ist dann doch nur jene seltsame Holzabschrankung verschwunden, die früher, als es noch kein gemischtes Deck gab, die Geschlechter sogar noch beim Anstehen «durch eine knapp meterhohe Wand» vor dem Kiosk trennte, wie Alice Vollenweider 1972 im Tages Anzeiger Magazin schrieb. Es war auch der Ort, an dem sich Psychoanalytiker aus dem Kreis Parin/Morgenthaler trafen und ihre ethnologischen Studien in Afrika besprachen. So gesehen lag es immer schon am Mittelmeer...

Bis heute ist es auch ein Treffpunkt, wo Programm-Macher vom Schweizer Fernsehen, Regisseure vom Opernhaus oder Redakteure der umliegenden Zeitungshäuser sich treffen. Dazwischen trifft man viele Literaten und Künstler, aber auch Designer und Modeleute. Gleichwohl ist die Zeit der 80er Jahre, als eine gewisse Arroganzschwelle herrschte, vorbei und das Utoquai eine Badeanlage, wo sich alle Bewohner von Zürich mischen und auf Touristen aus aller Welt treffen. So wurde es auch schon zum Ort einer grossen Fotoausstellung mit René Burri (1996), der Ausstellung «Badeplausch» (1990), ja sogar zum Filmschauplatz in Christoph Schaubs «Wendel» (1987) und zum Diogenes- Titelbild von Hugo Loetschers Roman «Saison» (1995) – damals erlebte das Utoquai eine kulturelle Saison, die noch lange nicht zu Ende ist.